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Fortsetzung 4

Überhaupt macht hier jeder in der Familie das, wozu er gerade Lust hat. Teddy mit seinem Tagesplan ist der am weitaus disziplinierte. Er verbringt viel Zeit mit Hausaufgaben machen, liest Zeitung und trifft sich mit anderen Leuten privat oder zu irgendeinem organisierten Anlaß. Immer bin ich etwas neidisch, wenn er allein oder mit Christine das Haus verläßt und etwas unternimmt. Manchmal gehen sie sogar auch zu viert weg, mit Hase Fip und Amanite. Zum Glück erfahre ich abends, wo er gewesen ist, weil meine Mutter darauf Wert legt, vom Tun ihrer Kinder stets unterrichtet zu sein. Selten aber fragt sie uns, wie es uns eigentlich geht, ob wir traurig sind, ob wir eine Enttäuschung oder anderweitigen Kummer erlebt haben. Ihr reicht es, wenn man sagt: "Ich war heute wieder beim Klavierunterricht", oder "Mein PC hat sich aufgehängt." Für sie muß alles äußerlich in Ordnung sein, innere Konflikte hat offensichtlich jeder mit sich selbst auszumachen. Außer mir gibt es hier aber niemanden, der innere Konflikte hat und soviel grübelt wie ich. Eher haben die anderen Geschwister ihre Marotten, und Mausi ist eine ganz gerissene. Mit ihren 5 Jahren stellt sie sich oft absichtlich dumm, obwohl sie alles begreift, was um sie herum geschieht. Sobald eine Situation heikel wird, ruft sie "Ich bin doch noch ganz klein und verstehe das nicht!" und schiebt sich aus irgendeiner Tasche einen Schnuller in den Mund. Sie saugt am Schnuller und reißt die Augen auf, aus denen sie uns wie verblödet anguckt. Die anderen streichen ihr über den Kopf, während ich vor Zorn über dieses Maggie-Simpson-Imitat die Lippen zusammenpresse. Aus dem Gesicht schlagen könnte ich ihr diesen albernen Schnuller. Obendrein will ich sie schütteln und anfauchen: "Gib es auf, deine Baby-Zeit ist um, verstell dich nicht mehr, damit du die Tatsachen ertragen lernst!" So ähnlich, nicht ganz so kraß, habe ich schon mal Mausi malträtiert, als wir alleine waren, aber wie fing sie bitterlich an zu weinen! Ich weiß nicht, ob es Hilflosigkeit war oder Verteidigung aus der Intuition heraus, dass ich sie durchschaut hatte. Groß Susanne, der ich natürlich von meinem Jähzorn berichtete, saugte ihre Cola heftig durch einen ihrer rot-weißen Strohhalme und mahnte mich: "Mach das nicht noch mal, Mausi lebt doch noch in einer ganz heilen Kinderwelt!" Plötzlich dachte ich daran, wie ich vor drei Jahren mit einem Badehandtuch um die Schultern am späten Nachmittag, als wir alle die Sachen zusammenpackten und uns vom See in G. auf den Heimweg machten, auf einem Sandhügel stand, das Badehandtuch flatterte heftig im Wind, und laut rief: "Ich bin Wonder-Woman!" Teddy und Philip standen unterhalb je zu meiner linken und meiner rechten wie verzückt und schauten mit Riesenaugen zu mir empor, wie ich die Arme ausstreckte, das Handtuch fliegen ließ und ausschaute, als würde ich jeden Moment vom Wind empor und durch die Lüfte getragen werden. Durch meinen Körper strömte ein Gefühl des Glücks, wie es nur in einer Phantasiewelt vorkommt, in der ich die unbesiegbare bewunderte Protagonistin bin. Alles spielte sich zu meinen Gunsten ab, das verblassende Licht der Abendsonne gab der Szene einen überirdischen Glanz, der Wellen und Sanddünen bewegende Wind sorgte für die Dramatik. Und war es nicht bloß Selbsttäuschung, mich für wunderbar zu halten, wenngleich es nur ein Spiel war? Betrieben wir nicht alle ein Spiel, um uns wunderbar zu fühlen, schon im kleinsten Alter und ununterbrochen weiter solange wir können? Jetzt tat es mir leid mit Mausi, und ich war froh, dass sie den Trick mit dem Schnuller nicht aufgegeben hatte, auch wenn sie sich seitdem immer dezent von mir abwendet, wenn ihr alles zu viel wird und sie in ihren Taschen nach dem rettenden Lutscher fummelt.               
11.8.06 21:14
 


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