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Fortsetzung 3

Kommen wir jetzt zu meinen Eltern. Über sie habe ich bisher noch nichts erzählt, aber es gibt eigentlich auch nichts von ihnen zu berichten. Meine Mutter ist Hausfrau und verbringt die meiste Zeit bei der Kosmetikerin. Wenn wir abends zum Essen am langen Tisch versammelt sind, wobei meine Mutter am Tischende sitzt, sieht sie jedesmal aus wie aus dem Ei gepellt. Bei der Kosmetikerin läßt sie sich nicht nur alle Hautunreinheiten entfernen, sie bekommt auch Massagen, Maniküre, Pediküre, wird geschminkt und verordnet sich allerlei individuelle Verwöhnbehandlungen. Nur ins Solarium geht sie nicht, aus Rücksicht zu ihrer hellen, stellenweise mit Sommersprossen bedeckten Haut. Obwohl meine Mutter fast jeden Tag die Kosmetikerin aufsucht, verabschiedet sie sich jedes Mal denjenigen gegenüber, die gerade im Haus sind, mit dem Satz: "Ich gehe jetzt zur Kosmetikerin!" Irgend eine Seele erweicht sich dann zu einem müden "Okay, viel Spaß!", und meine Mutter schlägt zufrieden die Haustür zu. Falls meine Mutter mal nicht bei der Kosmetikerin ist, trifft sie sich mit Frau Konsul Hensel. Die Hensel staunt immer wieder über meine Mutter, weil sie findet, dass eine Frau höchstens zwei Kinder haben sollte, wir aber sind zusammen 7 Geschwister. "Bei 5 wird's mir ja schon schauerlich!", sagt Frau Konsul Hensel. Darauf lächelt meine Mutter nachsichtig und betont, wie wenig schauerlich 7 Kinder sein können, sie habe ein Haus mit vielen Zimmern, wohlgeratene Knaben und drollige Töchter. Damit meint sie wohl mich und Groß Susanne. Und vor allem sei da noch ihr Mann, der gut verdiene und alle in Wohlstand leben lasse. Ihr Mann, mein Vater.

Meinen Vater habe ich noch nie gesehen, und es existiert auch kein weiteres Bild von ihm außer einer Fotografie mit einer karibisch anmutenden Landschaft mit roter Brücke und daneben, ganz klein zu erkennen, einem männlichen Wesen mit Helm. Keiner von uns Geschwistern scheint sein genaues Aussehen zu kennen, doch da es niemanden stört, finde auch ich es ganz normal, dass sein Gesicht für mich ein Geheimnis bleibt. Aber mein Vater existiert. Er ist Ingenieur und baut seit vielen Jahren Brücken auf einer fernen Insel. Diese Informationen erhalten wir von unserer Mutter beim Abendbrot. Wir wissen, wie die Insel heißt, wo ungefähr sie liegt, wieviele Einwohner sie hat, welches Klima herrscht, und wann eine neue Brücke durch Vaters Hand fertig ist. Das bedeutende Ereignis verkündet meine Mutter abends feierlich vor allen anwesenden Familienmitgliedern. Es herrscht dann regelmäßig eine Schweigeminute an Tisch. Jeder stellt sich die fertige Brücke vor, dazu Vaters ernstes Gesicht - in der Phantasie ist sein Gesicht immer ernst - und alle denken an die Insel und die vielen Brücken darauf. Wenn wir jedoch Einzelheiten erfragen, erhalten wir nicht immer eine befriedigende Antwort. Unsere jüngste Schwester Mausi fragte einmal, warum denn so viele Brücken gebaut würden auf der Insel. Meine Mutters Gesicht nahm einen ganz abweisenden Ausdruck an. Sie erklärte Mausi mit halbgeschlossenen Augen, es handele sich um eine übernationales Projekt im Rahmen der global gesteuerten Entwicklungshilfe. "Übernational" meinte sie statt "international". Das "über" passte auch viel besser zu den Brücken. Ob denn die Brücken von den Einwohnern auch genutzt würden, fragte Schnucki. Wiederum antwortete meine Mutter etwas spitz, dass die Brücken zukunftsorientiert gebaut werden, da die Bevölkerung allgemein wachse. Über diese Antwort mußten wir alle stutzen, aber niemand wagte den tieferen Sinn des Gesagten anzuzweifeln. Wir waren ja allesamt froh, dass unser Vater so großartige Projekte realisierte und uns damit ernähren konnte. Da war es weiter nicht tragisch, wenn wir ihn persönlich nie zu sehen bekamen. Manchmal aber überlege ich, ob Teddy nicht kahl ist, weil ihm der Vater fehlt und er unfreiwillig die Rolle des männlichen Familienoberhauptes übernehmen muß. Gibt es nämlich etwas wichtiges zu besprechen, wendet meine Mutter sich fast ausschließlich an Teddy, und dieser ist sich der Verantwortung bewußt, die er gegenüber seiner Familie hat. Er ist ja auch am ehesten ansprechbar, denn Philip reitet immer nur und Schnucki hat eine pessimistische Grundeinstellung allen Dingen gegenüber - besonders seit Franz-Josef-Strauß abgelebt ist.           

9.8.06 23:53
 


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