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Fortsetzung 2:

getrieben, damit er ihr nach Schule und Studium ein Leben in Wohlstand und ohne Geldsorgen bieten kann. Sie hat wohl nichts gegen diesen Plan. Die beiden sehen schon jetzt unzertrennlich aus. Manchmal versuche ich, einen Keil zwischen das Paar zu treiben, aber es bringt nichts, der Liebesschwur der Glücklichen entschärft alle Angriffe. Zum Beispiel frage ich Teddy, warum er denn BWL studieren wolle. "Das ist überhaupt kein richtiges Studium und hat nichts an der Uni verloren. Da sitzen doch nur Sekretärinnen und Fachabiturienten, die Erdkunde als Leistungskurs hatten, weil sie für alle anderen Fächer zu blöd waren!" versuche ich ihn anzustacheln. Mit den Sekretärinnen meine ich natürlich Christine, die bestimmt nach der Schule Bürokauffrau wird. Nach einer solchen Bemerkung guckt Teddy mich schweigend aus seinen goldbraunen Augen an und schüttelt den Kopf. "Du weißt doch gar nicht, was in BWL studiert wird." "Doch", sage ich, "eben nichts technisches, nichts sprachliches, nichts juristisches, nichts medizinisches und auch nichts philosophisches. Einfach nichts von wissenschaftlichem Rang." "Wir haben Statistik und müssen gut in Mathe sein! Und nach dem BWL-Abschluß kann man viel machen." gibt Teddy zurück. "Ja, ihr unterstützt den Konsumterror und verhüllt euer Tun mit hochtrabenden Berufsbezeichnungen, deren Inhalt kein Mensch durchschaut!" schreie ich erbost. "Du spinnst einfach", meint Teddy stirnerunzelnd und wendet sich ab. Kreuzunglücklich bin ich, weil Teddy mich jetzt bestimmt wieder ein Stück nerviger findet als zuvor. Dann laufe ich schnell zu Groß Susanne und berichte. "Ich möchte ja einfach nur, dass Teddy nicht BWL studiert und so ein Schlüsselanhänger wie die Key-Accounter wird oder Berater der Berater ist", jammere ich. Groß Susanne spendet mir wenig Trost. "Er könnte im Personalbereich aktiv sein." rät sie. "Dazu braucht man doch kein BWL." gebe ich zurück. Groß Susanne fügt hinzu: "Es würde mir am meisten Spaß machen." Dabei bin ich mir nicht sicher, ob sie die Bemerkung nur macht, weil sie eine Fernsehsendung verfolgt und in Ruhe gelassen werden will. Es ist müßig, den Dialog noch weiterzuführen. Ich gehe aus dem Fernsehzimmer und schaue mich um. Da sitzt mein Bruder Schnucki in seinem Zimmer, ein Buch vor der Nase und in eine Schachtel Pralinen langend. Schnucki liest meistens Geschichtsbücher über das 20. Jahrhundert. An den Wänden seines Zimmers hängen lauter Plakate und Gegenstände mit geschichtlichem Bezug, dabei ein großes Plakat von Franz-Josef Strauß. Schnucki ist absoluter Strauß-Fan. Wenn aus seinem Zimmer ein lauter Schrei ertönt, wissen wir alle, daß wieder mal Todestag von Strauß ist. Dann liegt Schnucki zerstört am Boden und klagt über den Tag, an dem unser Land seinen bedeutendsten Politiker verloren hätte. So denkt Schnucki. Wir Geschwister atmen tief durch und wenden uns mit hilflosen Mienen ab. Schnucki hält uns Schwestern sowieso für nicht ganz voll, er lebt isoliert in seiner Strauß-Welt und in seinem BDH, was heißen soll "Bund deutscher Hasen", dessen Mitglied er ist. Ich glaube, er hat dort das Amt des Kassenwarts inne. Manchmal schleicht er durch den Garten zur Pforte mit einer Kasse unterm Arm und Jägerhut auf dem Kopf. Dann ist er auf dem Weg zur Versammlung der BDHler am Bismarckdenkmal, wo der Verein oft Treffen abhält. Die BDHler machen auch Demos, einmal zogen sie sogar an unserem Haus vorbei. Da sah ich lauter Hasenohren und dunkelblau-orange Fahnen mit Karotten und großem "BDH" aufgedruckt, die über die Gartenhecke ragten. Mit äußerster Langsamkeit bewegte sich der Zug entlang der Hecke vorwärts, und ich rief nach Groß Susanne, die innerhalb von 5 Minuten tatsächlich aus dem Fernsehraum kam und das Spektakel mitbeobachtete. "Wogegen demonstrieren die?" fragte Groß Susanne. "Nirgendwo gegen", meinte ich, "Sie demonstrieren für ihren Bund und bekunden ihre Existenz." Denn außer den Karottenfahnen und einem merkwürdig dünnem Gesang, wahrscheinlich der vereinseigenen Hymne, konnte ich keine Parolen oder Transparente entdecken. "Wo läuft Schnucki?" fragte Groß Susanne. Wir blinzelten ins Sonnenlicht und untersuchten die Hasenohren. Schnucki war nicht zu sehen, aber er war sicherlich dabei. Wenn er abends nach diesem Umzug zurückkommen würde, wären wir wahrscheinlich noch mehr Luft für ihn als wir es ohnehin schon sind. Und das, obwohl wir uns Zeit genommen haben, seinen Kumpanen zusammen mit den Fahnen unsere Aufmerksamkeit zu schenken.         
8.8.06 22:53
 


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