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Fortsetzung 7

Einmal im Jahr, meist zu Weihnachten, schickt Vater uns ein Paket nach Hause. Er selbst gedenkt nicht zu kommen, wie ich vorher erwähnt habe, und seine Abwesenheit ist eine familieninterne Selbstverständlichkeit. Am Heiligabend sitzen wir gespannt um das Paket herum und ahnen schon, welcher Inhalt sich dort verbirgt. Teddy darf das Paket öffnen, zusammen mit Hase Fip holt er dann die einzelnen Geschenke heraus.Wie immer befinden sich unter den Präsenten kleine rechteckige Fläschchen aus weißmattem dickem Glas, in denen eine durchsichtige farblose Flüssigkeit enthalten ist, die bei Bewegung etwas langsamer als Wasser hin- und herschwappt. Die Fläschchen sind das Highlight des Abends. Für jeden gibt es drei Stück sorgsam in viel Papier eingewickelt gegen die Bruchgefahr. Wenn man die Fläschchen öffnet, entweicht sofort mit beachtlichem Tempo ein dicklicher weißer Dampf nach oben. Im Moment des Emporsteigens muß der Inhaber der Flasche laut sagen, was er oder sie gerne vor sich sehen möchte, und schwupp nimmt der Dampf die Form des genannten Objektes an. Die Form hält etwa drei Minuten, dann löst sich der ganze Spuk auf. Die Flasche ist leer, der Dampf entweicht sofort vollständig. Alle Familienmitglieder schauen immer wieder mit erwartungsvollem Blick auf die Gebilde, die der einzelne mit energischem Ruf hervorzaubert. Mutter hat sich einmal das Gesicht des Vaters gewünscht und schaute drei Minuten verträumt in die gesichtsförmige Wolke über ihrem Kopf. Für Hase Fip gab es nichts Schöneres, als eine edle Pferderasse herbeizurufen. Teddy wünschte sich unter anderem das Taj Mahal, und es ging mit Erscheinen des architektonischen Wunderwerks ein großes "Aaaah" durch die ganze Familie. Aber als ein riesiger Tisch voller Süßigkeiten weißlich wabernd sich unter der Decke bildete, wußten wir, der Wunsch kam von Groß Susanne. Letzten Weihnachten hatte ich eine grandiose Idee. Ich wollte eines meiner drei Fläschchen öffnen und eine historische Figur herbeirufen. "Ich will Jesus sehen!" kündigte ich an. Die anderen wurden unruhig. "Das geht nicht", meinte Teddy. "Das darf man nicht." "Wieso soll das nicht gehen?" meinte ich provokativ. Dann würden wir endlich Zeugen seines Aussehens sein, vielleicht sogar in Verzückung geraten. Aber Schnucki, Mutter, Groß Susanne, sie hatten besorgte Mienen. "Es könnte etwas passieren", überlegte Groß Susanne. Ich hatte keine Geduld mehr, machte das Licht aus und setzte mich in Position. "Kommt alle her, jetzt haben wir das Ereignis des Jahrhunderts!" rief ich froh. Stille herrschte im Wohnzimmer, man hörte fast die Kerzen brennen. Lauter besorgte, vom Kerzenschein matt erleuchtete Augenpaare blickten zu mir herüber. Ich begann. Die Flasche wurde sorgfältig entkorkt, der Dampf begann sogleich aufzusteigen. "Jesus Christus!" schrie ich fast. Der Dampf wirbelte nach oben, waberte unter der Decke in den seltsamsten Formen und wurde auf einmal länglich. Mausi hielt sich die Hände vors Gesicht und begann vor Aufregung zu weinen. Die übrigen Zuschauer waren sichtbar erregt, wagten kaum zu atmen, während ich fast triumphierend dastand und der Welt beweisen wollte, dass sie sich jahrhundertelang geirrt hatte. Ja dampfende Wolke, zeig uns sein echtes Gesicht! Die längliche waagerechte Form begann sich in der Mitte in zwei Richtungen nach oben und nach unten auszudehnen. Vor Schreck klammerten sich alle Geschwister an Mutter, einige mochten nicht hinschauen.
9.10.08 21:08
 


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