Startseite
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


http://myblog.de/kleinsusi

Gratis bloggen bei
myblog.de





Fortsetzung 6

Über ihren Liebeskummer hat Groß Susanne sich mit einer eigenartigen Melodie hinweggetröstet. Ganz aufgeregt sah man sie in den folgenden Tagen vor dem Internet sitzen und nach einer bestimmten Rarität suchen. Irgendetwas hatte sie schließlich bestellt, und ab diesem Zeitpunkt wartete sie geduldig und mit leuchtenden Augen vor dem Fenster auf die Anlieferung. Es war ein höchst ungewohnter Anblick, sie nicht vor dem Fernsehsessel anzutreffen, sondern im Treppenhaus, ohne Limonade und Chips in den Händen. Eines Tages klingelte es und ein Bote brachte ein schmales Päckchen, das Groß Susanne gespannt in Empfang nahm. Sie huschte damit in ihr Zimmer, schloß die Tür zu, und nach einer Weile hörte man deutsche Musik, die aus einem Grammophon zu spielen schien. Schnucki öffnete seine Zimmertür und fragte, woher die Musik käme, die endlich einmal vernünftig klänge. Ich winkte ihm, er solle mir zu Groß Susannes Zimmertür folgen. Wir standen vor der Tür und lauschten. Die Grammophon-Musik wechselte innerhalb des Liedes mit moderner Studio-Musik ab. Schnucki schüttelte den Kopf und verschwand wieder. Ich öffnete leise die Tür, als das Lied gerade zu Ende war. Groß Susanne saß auf einem Stuhl, drückte einen Knopf ihres CD-Players und schon begann das Lied aufs neue. Eine Männerstimme sang über eine unglückliche Liebe, und da begann der Refrain aus dem Grammophon: "Ich hab dein Knie gesehn / Das durfte nie geschehn." Bei diesen Tönen erschien Schnucki wieder an der Tür. "Es ist wegen Heinz" flüsterte ich. "Sie trauert ihm nach." Schnucki zog ein Gesicht. "Wer ist Heinz?" fragte er. "Ihr Freund. Ex-Freund!" murmelte ich. "Und warum hört sie dann dieses Lied?" erkundigte Schnucki sich. "Weil sie immer nur sein Knie gesehen hat!" gab ich zur Antwort. Schnucki verstand natürlich nicht. "Nur sein Knie?" fragte er. Da mußte ich an Schnuckis träumerische Phantasien von den sagenhaften germanischen Helden denken und zog ihn auf: "Heinz war ein richtiger großer Held, hünenhaft groß wie Siegfried, so dass Groß Susanne ihm nur bis zum Knie ging! Außerdem galoppierte er auf einem mächtigen weißen Pferd daher, um sie zu sehen" Schnucki riß die Augen auf. "Schrecklich, dass er dann Heinz heißt!" flüsterte er. "Aber die Geschichte ist doch nicht wahr. Es gibt keine Helden mehr auf weißen Pferden, nur Taugenichtse." "Stimmt", sagte ich, "darum darf sie ihn nicht mehr sehen, denn er war ein Taugenichts." Ich kicherte und Schnucki zog die Stirn in Falten. "Ich meine es ernst!" betonte er und begab sich zurück auf sein Zimmer. Klar meinte Schnucki es ernst. Aus seiner Sicht liegt die Welt in Trümmern, spätestens nach dem Tod von Franz-Josef Strauß, letzter bedeutender Politiker unseres Landes. Auf den hätten bis zum heutigen Tag nur unfähige, unzuverlässige Kleingeister gefolgt. Im BDH bereitete man sich praktisch schon auf den Weltuntergang vor. Einmal hab ich sie gesehen am Bismarckdenkmal, mit ernsten Gesichtern und bekümmerten Mienen, diese BDHler. Ehrfürchtig sangen sie "O Täler weit, o Höhen, o schöner grüner Wald!", einigen kamen die Tränen. Danach gaben sie sich zum Zeichen ihres Bundes jeder eine Karotte. Ich seufzte und beobachtete nun Groß Susanne, wie sie andächtig vor ihrem CD-Player saß. Die Arme! Ihr blieb nichts als die Erinnerung an ein langweiliges Körperteil dieses Hallodri, und durch das Lied war sie ihm näher. Nach einigen Tagen hatte sie ihren Stammplatz vor dem Fernseher wieder eingenommen, dick, mit blassen feuchtglänzenden Augen und fettigen Haaren, die wie bei mir zu zwei Gretelzöpfen zusammengebunden waren. Heute versuche ich sie ein wenig abzulenken, indem ich mit ihr über Teddy spreche. "Teddy ist bereits kahl, er hat alle Haupthaare verloren, ist das nicht schlimm?" beginne ich die Konversation. "Ist schlimm", antwortet sie. "Aber dann braucht er sich keine Sorgen mehr über weiteren Haarausfall zu machen, das Thema ist ja erledigt. Ach, wie ist Groß Susanne pragmatisch. "Ihm könnte etwas anderes ausfallen", gebe ich zu bedenken. "Zähne oder sogar Fußzehen!" Groß Susanne zieht am Strohhalm, der wirklich gigantisch groß ist. Der Kinderarzt hat Groß Susanne einen Strohhalm verschrieben, bei dem es eine Minute Saugkraft erfordert, die Flüssigkeit vom Glas bis in den Mund zu befördern. Der Halm mußte spezialangefertigt bei einer Kunststoff-Fabrik hergestellt werden. Er hat den Zweck, die Bauchmuskeln von Groß Susanne zu trainieren und dafür zu sorgen, dass sie auf diese Weise abnimmt. In der Tat ist Groß Susanne heftig am ziehen und saugen und hat schon einen ganz roten Kopf. Doch endlich ist die Cola im Mund und sie kann aufatmen. "Das kann natürlich passieren, dass Teddy plötzlich die Haut abblättert oder so", meint sie nickend. Ein fürchterlicher Gedanke. Ich verfolge mit den Augen die vielen Windungen des dunkelgrünen und transparenten Strohhalms, durch den die restliche Cola zurück ins Glass schnellt."Sag mal, dein wievielter Strohhalm ist das eigentlich?" frage ich. Groß Susanne zuckt mit den Schultern. Sie zählt ihre Halme nicht, denn die meisten werden weggeschmissen, nachdem sie Milch daraus getrunken hat. Ich wundere mich, warum Groß Susanne im Rahmen des Diätprogramms und des Superhalms so leicht an die Fressalien kommt. Immerhin muß sie, wenn sie Nüsse essen will, eine Kurbel in einem Automaten drehen, in dem die Nüsse sich befinden. Nach zehnmaliger Umdrehung fällt eine Handvoll Nüsse in einen Metallschnabel. Aber Chips und Schokolade liegen frei zugänglich vor ihr. Wahrscheinlich sind die ihr den Zugang erschwerenden Apparaturen gerade in Erfindung,und man will sie nicht überfordern mit Drehen, Ziehen, Kurbeln, Saugen und Schieben. Sonst bekommt sie noch einen Kollaps!         
30.5.07 15:38
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung