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Die Familie

Da ich permanent mich und meine Geschwister beobachte und gerne über die Welt im allgemeinen und die Zukunft der Menschen philosophiere, habe ich mich dazu entschlossen, alles aufzuzeichnen, was meine Sinne erleichtern wird und mir hilft, nicht mehrmals über dieselben Dinge nachzugrübeln. Schriftlich entäußert sind die Eindrücke für mich dann gedanklich abgehakt, gleichzeitig bei zusammenfassender Betrachtung ein sichtbares Zeugnis dafür, warum mein jugendliches Leben schon jetzt Vorzeichen für ein baldiges gänzliches Scheitern als Erwachsene darstellt. Als Vorzeichen deute ich die sich immer stärker in mir manifestierende Ahnung, nirgendwohin recht zu passen. An späterer Stelle werde ich noch genauer darauf zu sprechen kommen. Zunächst gibt es eine hübsche Einleitung für mein soeben gegründetes Tagebuch.
Mein Name ist Klein Susanne. So nennen mich alle in meiner Familie, obwohl ich zwei Jahre älter bin als meine Schwester Groß Susanne. Die jüngere Susanne ist trotz ihrer 12 Jahre schon größer als ich und außerdem auch fettleibig. Ich dagegen bin ganz normal geraten und zierlich, der Kinderarzt hat an mir nichts ungewöhnliches diagnostiziert. Zur physischen Konstitution von Groß Susanne meinte der Arzt dagegen, man könne ihre Dickleibigkeit nur bekämpfen, indem man ihr eine strenge Diät verabreiche. Aber niemand kümmert hier in der Familie kümmert sich darum. Im Gegenteil, Groß Susanne sitzt unermahnt den ganzen Tag vor dem Fernseher, ißt Chips und trinkt Cola aus Strohhalmen unterschiedlicher Farben und Windungen. Wir haben ihr diese Strohhalme darum "verabreicht", damit sie zumindest ihre Gesichtsmuskeln beim Saugen und Ziehen anstrengen muß. Den Gang von unserem Auto zur Schule und wieder zurück hält sie für genug tägliche sportliche Betätigung. Wenn sie nachmittags zu Hause ist, macht sie Hausaufgaben, um anschließend in ihren Fernsehsessel zu versinken und sich all diese Seifenopern und Serien anzugucken. Indem die kleine Schwester größer und aufgedunsener ist, bin ich automatisch zur "kleinen" Susanne mutiert. Eines muß ich zugeben, Groß Susanne ist um einiges abgeklärter als ich, obwohl sie jünger ist. Daran sind die ganzen täglichen Fernsehsendungen schuld, aus denen sie ihr Wissen schöpft, und durch die sie auf jede Frage gleich eine erstaunlich treffende Antwort gibt. Oft stehe ich neben ihr, frage sie nach dem Sinn des Lebens auf diesem Planeten und ärgere mich über alle Menschen. Sie hört mir während des Nachrichtenguckens zu, zieht die Cola aus dem Trinkhalm hoch und antwortet mir auf so verblüffende Weise, dass ich erstaunt und gleichzeitig auch ein bißchen zornig bin. Den Zorn kennt Groß Susanne schon an mir, sie meint, ich werde immer so schnell zornig. Sagt es und schaut kauend und schluckend starr zum Bildschirm. Ich kann, obwohl ich eine Zornes-Verbündete suche, einfach keinen Zorn bei ihr erwecken. Wahrscheinlich geht mit der Fettleibigkeit eine Gefühlsträgheit einher. Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum nur ich zornig werde und sie nicht, und das ist die Freundin von meinem ältesten Bruder Teddy. Ich liebe Teddy sehr, er ist der Älteste von uns Geschwistern, und er hat bereits eine Freundin. Da Groß Susanne nicht in Teddy verliebt ist, kann sie auch nicht zornig werden, wenn sie an ihn denkt, bzw wenn sie an seine doofe Freundin Christine denkt. Ich hasse Christine. Diese Christine besteht aus einer blondgelockten Haarmähne und darin eingerahmt einem recht hübschen Gesicht. Das hübsche Gesicht langweilt mich durch sein Ebenmaß. Genauso langweilig ist Christines Charakter, ohne Ecken und Kanten, mit leise klingender Sing-Sang-Stimme. Wenn Christine kommt, meint man, alle Wogen des Weltgeschehens glätten sich. Während ich also vor Zorn über so viel Ungerechtigkeit in der Verteilung der Schönheit die Fäuste balle, sehe ich im selben Augenblick vor meinem geistigen Auge Teddys glückliches Gesicht und seinen Stolz über die hübsche Freundin. Wiederum Anlaß zu erhöhtem Zorn. Teddy hat nämlich bereits eine Glatze. Warum aber kann er sich als Glatzkopf eine hübsche Freundin halten? Welche glatzköpfige 17-jährige bekommt schon einen gutaussehenden Freund? Keine. Und für mich interessiert sich ja sowieso kein Junge. Mit dieser Erkenntnis bin ich zu Groß Susanne gegangen, die gerade eine Krimiserie im Fernsehen guckt, und trage ihr in größtem Eifer meine These vor, die besagt, dass bei Frauen nur das Äußere zählt, während Männer sich alle möglichen Entstellungen leisten können. Groß Susanne schweigt und meint plötzlich: Daran seien die Frauen selbst schuld, sie ließen sich instrumentalisieren. Ich verstehe nicht und seufze. Bei meinem zweiten Bruder Philipp ist es genauso. Seine Freundin Amanite besitzt dunkelbraune lange Locken und hat ein Gesicht so ausdrucksvoll hübsch wie das einer Latina. Man sagt dazu "rassig" . Philipp selbst ist wahrlich keine Schönheit, eher niedlich mit Hasengesicht und vorstehendem Ober- und Unterkiefer. Aber auf Philipp und Amanite bin ich nicht eifersüchtig, die beiden sind mir zu fremd in ihren Interessen. Den ganzen Tag beschäftigt Philip nichts anderes als Reiten und Pferde. In Amanite hat er die richtige Kumpanin gefunden. Schaue ich aus dem Fenster, dann sehe ich in der Ferne garantiert zwei Gestalten auf Pferden dahintraben, und wie erwartet ist es mein Bruder mit Amanite. Pferde wochentags, Pferde am Wochenende, Pferde in den Ferien, unterschiedliche Wieher-Laute auf CD. Wer ein so ausfüllendes Hobby hat, der muß sich nach dem Sinn des Lebens nicht fragen, wie ich es oft tue. Bei Teddy dagegen bin ich mir nicht sicher. Manchmal denke ich, er unterdrückt alle Zweifel in sich, ob er als Jugendlicher den richtigen Weg für eine erfolgreiche, mit dem Gewissen vereinbare Zukunft einschlägt, und darum ist er bereits ohne Haar. Soviel hat er schon verraten, er will nach der Schule BWL studieren. Wahrscheinlich hat ihn unbewußt Christine dazu

27.7.06 22:01


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