Startseite
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


http://myblog.de/kleinsusi

Gratis bloggen bei
myblog.de





Fortsetzung 7

Einmal im Jahr, meist zu Weihnachten, schickt Vater uns ein Paket nach Hause. Er selbst gedenkt nicht zu kommen, wie ich vorher erwähnt habe, und seine Abwesenheit ist eine familieninterne Selbstverständlichkeit. Am Heiligabend sitzen wir gespannt um das Paket herum und ahnen schon, welcher Inhalt sich dort verbirgt. Teddy darf das Paket öffnen, zusammen mit Hase Fip holt er dann die einzelnen Geschenke heraus.Wie immer befinden sich unter den Präsenten kleine rechteckige Fläschchen aus weißmattem dickem Glas, in denen eine durchsichtige farblose Flüssigkeit enthalten ist, die bei Bewegung etwas langsamer als Wasser hin- und herschwappt. Die Fläschchen sind das Highlight des Abends. Für jeden gibt es drei Stück sorgsam in viel Papier eingewickelt gegen die Bruchgefahr. Wenn man die Fläschchen öffnet, entweicht sofort mit beachtlichem Tempo ein dicklicher weißer Dampf nach oben. Im Moment des Emporsteigens muß der Inhaber der Flasche laut sagen, was er oder sie gerne vor sich sehen möchte, und schwupp nimmt der Dampf die Form des genannten Objektes an. Die Form hält etwa drei Minuten, dann löst sich der ganze Spuk auf. Die Flasche ist leer, der Dampf entweicht sofort vollständig. Alle Familienmitglieder schauen immer wieder mit erwartungsvollem Blick auf die Gebilde, die der einzelne mit energischem Ruf hervorzaubert. Mutter hat sich einmal das Gesicht des Vaters gewünscht und schaute drei Minuten verträumt in die gesichtsförmige Wolke über ihrem Kopf. Für Hase Fip gab es nichts Schöneres, als eine edle Pferderasse herbeizurufen. Teddy wünschte sich unter anderem das Taj Mahal, und es ging mit Erscheinen des architektonischen Wunderwerks ein großes "Aaaah" durch die ganze Familie. Aber als ein riesiger Tisch voller Süßigkeiten weißlich wabernd sich unter der Decke bildete, wußten wir, der Wunsch kam von Groß Susanne. Letzten Weihnachten hatte ich eine grandiose Idee. Ich wollte eines meiner drei Fläschchen öffnen und eine historische Figur herbeirufen. "Ich will Jesus sehen!" kündigte ich an. Die anderen wurden unruhig. "Das geht nicht", meinte Teddy. "Das darf man nicht." "Wieso soll das nicht gehen?" meinte ich provokativ. Dann würden wir endlich Zeugen seines Aussehens sein, vielleicht sogar in Verzückung geraten. Aber Schnucki, Mutter, Groß Susanne, sie hatten besorgte Mienen. "Es könnte etwas passieren", überlegte Groß Susanne. Ich hatte keine Geduld mehr, machte das Licht aus und setzte mich in Position. "Kommt alle her, jetzt haben wir das Ereignis des Jahrhunderts!" rief ich froh. Stille herrschte im Wohnzimmer, man hörte fast die Kerzen brennen. Lauter besorgte, vom Kerzenschein matt erleuchtete Augenpaare blickten zu mir herüber. Ich begann. Die Flasche wurde sorgfältig entkorkt, der Dampf begann sogleich aufzusteigen. "Jesus Christus!" schrie ich fast. Der Dampf wirbelte nach oben, waberte unter der Decke in den seltsamsten Formen und wurde auf einmal länglich. Mausi hielt sich die Hände vors Gesicht und begann vor Aufregung zu weinen. Die übrigen Zuschauer waren sichtbar erregt, wagten kaum zu atmen, während ich fast triumphierend dastand und der Welt beweisen wollte, dass sie sich jahrhundertelang geirrt hatte. Ja dampfende Wolke, zeig uns sein echtes Gesicht! Die längliche waagerechte Form begann sich in der Mitte in zwei Richtungen nach oben und nach unten auszudehnen. Vor Schreck klammerten sich alle Geschwister an Mutter, einige mochten nicht hinschauen.
9.10.08 21:08


Werbung


Fortsetzung 6

Über ihren Liebeskummer hat Groß Susanne sich mit einer eigenartigen Melodie hinweggetröstet. Ganz aufgeregt sah man sie in den folgenden Tagen vor dem Internet sitzen und nach einer bestimmten Rarität suchen. Irgendetwas hatte sie schließlich bestellt, und ab diesem Zeitpunkt wartete sie geduldig und mit leuchtenden Augen vor dem Fenster auf die Anlieferung. Es war ein höchst ungewohnter Anblick, sie nicht vor dem Fernsehsessel anzutreffen, sondern im Treppenhaus, ohne Limonade und Chips in den Händen. Eines Tages klingelte es und ein Bote brachte ein schmales Päckchen, das Groß Susanne gespannt in Empfang nahm. Sie huschte damit in ihr Zimmer, schloß die Tür zu, und nach einer Weile hörte man deutsche Musik, die aus einem Grammophon zu spielen schien. Schnucki öffnete seine Zimmertür und fragte, woher die Musik käme, die endlich einmal vernünftig klänge. Ich winkte ihm, er solle mir zu Groß Susannes Zimmertür folgen. Wir standen vor der Tür und lauschten. Die Grammophon-Musik wechselte innerhalb des Liedes mit moderner Studio-Musik ab. Schnucki schüttelte den Kopf und verschwand wieder. Ich öffnete leise die Tür, als das Lied gerade zu Ende war. Groß Susanne saß auf einem Stuhl, drückte einen Knopf ihres CD-Players und schon begann das Lied aufs neue. Eine Männerstimme sang über eine unglückliche Liebe, und da begann der Refrain aus dem Grammophon: "Ich hab dein Knie gesehn / Das durfte nie geschehn." Bei diesen Tönen erschien Schnucki wieder an der Tür. "Es ist wegen Heinz" flüsterte ich. "Sie trauert ihm nach." Schnucki zog ein Gesicht. "Wer ist Heinz?" fragte er. "Ihr Freund. Ex-Freund!" murmelte ich. "Und warum hört sie dann dieses Lied?" erkundigte Schnucki sich. "Weil sie immer nur sein Knie gesehen hat!" gab ich zur Antwort. Schnucki verstand natürlich nicht. "Nur sein Knie?" fragte er. Da mußte ich an Schnuckis träumerische Phantasien von den sagenhaften germanischen Helden denken und zog ihn auf: "Heinz war ein richtiger großer Held, hünenhaft groß wie Siegfried, so dass Groß Susanne ihm nur bis zum Knie ging! Außerdem galoppierte er auf einem mächtigen weißen Pferd daher, um sie zu sehen" Schnucki riß die Augen auf. "Schrecklich, dass er dann Heinz heißt!" flüsterte er. "Aber die Geschichte ist doch nicht wahr. Es gibt keine Helden mehr auf weißen Pferden, nur Taugenichtse." "Stimmt", sagte ich, "darum darf sie ihn nicht mehr sehen, denn er war ein Taugenichts." Ich kicherte und Schnucki zog die Stirn in Falten. "Ich meine es ernst!" betonte er und begab sich zurück auf sein Zimmer. Klar meinte Schnucki es ernst. Aus seiner Sicht liegt die Welt in Trümmern, spätestens nach dem Tod von Franz-Josef Strauß, letzter bedeutender Politiker unseres Landes. Auf den hätten bis zum heutigen Tag nur unfähige, unzuverlässige Kleingeister gefolgt. Im BDH bereitete man sich praktisch schon auf den Weltuntergang vor. Einmal hab ich sie gesehen am Bismarckdenkmal, mit ernsten Gesichtern und bekümmerten Mienen, diese BDHler. Ehrfürchtig sangen sie "O Täler weit, o Höhen, o schöner grüner Wald!", einigen kamen die Tränen. Danach gaben sie sich zum Zeichen ihres Bundes jeder eine Karotte. Ich seufzte und beobachtete nun Groß Susanne, wie sie andächtig vor ihrem CD-Player saß. Die Arme! Ihr blieb nichts als die Erinnerung an ein langweiliges Körperteil dieses Hallodri, und durch das Lied war sie ihm näher. Nach einigen Tagen hatte sie ihren Stammplatz vor dem Fernseher wieder eingenommen, dick, mit blassen feuchtglänzenden Augen und fettigen Haaren, die wie bei mir zu zwei Gretelzöpfen zusammengebunden waren. Heute versuche ich sie ein wenig abzulenken, indem ich mit ihr über Teddy spreche. "Teddy ist bereits kahl, er hat alle Haupthaare verloren, ist das nicht schlimm?" beginne ich die Konversation. "Ist schlimm", antwortet sie. "Aber dann braucht er sich keine Sorgen mehr über weiteren Haarausfall zu machen, das Thema ist ja erledigt. Ach, wie ist Groß Susanne pragmatisch. "Ihm könnte etwas anderes ausfallen", gebe ich zu bedenken. "Zähne oder sogar Fußzehen!" Groß Susanne zieht am Strohhalm, der wirklich gigantisch groß ist. Der Kinderarzt hat Groß Susanne einen Strohhalm verschrieben, bei dem es eine Minute Saugkraft erfordert, die Flüssigkeit vom Glas bis in den Mund zu befördern. Der Halm mußte spezialangefertigt bei einer Kunststoff-Fabrik hergestellt werden. Er hat den Zweck, die Bauchmuskeln von Groß Susanne zu trainieren und dafür zu sorgen, dass sie auf diese Weise abnimmt. In der Tat ist Groß Susanne heftig am ziehen und saugen und hat schon einen ganz roten Kopf. Doch endlich ist die Cola im Mund und sie kann aufatmen. "Das kann natürlich passieren, dass Teddy plötzlich die Haut abblättert oder so", meint sie nickend. Ein fürchterlicher Gedanke. Ich verfolge mit den Augen die vielen Windungen des dunkelgrünen und transparenten Strohhalms, durch den die restliche Cola zurück ins Glass schnellt."Sag mal, dein wievielter Strohhalm ist das eigentlich?" frage ich. Groß Susanne zuckt mit den Schultern. Sie zählt ihre Halme nicht, denn die meisten werden weggeschmissen, nachdem sie Milch daraus getrunken hat. Ich wundere mich, warum Groß Susanne im Rahmen des Diätprogramms und des Superhalms so leicht an die Fressalien kommt. Immerhin muß sie, wenn sie Nüsse essen will, eine Kurbel in einem Automaten drehen, in dem die Nüsse sich befinden. Nach zehnmaliger Umdrehung fällt eine Handvoll Nüsse in einen Metallschnabel. Aber Chips und Schokolade liegen frei zugänglich vor ihr. Wahrscheinlich sind die ihr den Zugang erschwerenden Apparaturen gerade in Erfindung,und man will sie nicht überfordern mit Drehen, Ziehen, Kurbeln, Saugen und Schieben. Sonst bekommt sie noch einen Kollaps!         
30.5.07 15:38


Fortsetzung 5

Mausi kann ruhig noch eine Weile heile Welt spielen, denn äußerlich betrachtet leben wir wirklich in angenehmen Verhältnissen und brauchen uns keine finanzielle Sorgen zu machen. Unsere dreistöckige Villa befindet sich im Kollerdiamantenweg 18 der Stadt R. östlich der Großstadt H. nahe des Waldes und eines Landschaftschutzgebietes, in dem auch das besagte vom Bund Deutscher Hasen oft besuchte Bismarckdenkmal zu finden ist. Hier geht alles seinen geregelten Lauf, von der Schulzeit über das Berufsleben bis zum Alterssitz im Seniorenheim. Von der Wiege bis zum Sarg weiß man schon, was so ungefähr auf einen zukommt, nur uns Mädchen stellt sich natürlich die Frage, ob und wann wir einen Lebenspartner finden und ob wir einmal Kinder haben werden. Ich gehe bereits in die 8 Klasse, komme bald in die 9.te und habe noch nie einen Freund gehabt. Unglaublicherweise hat Groß Susanne schon einen Freund, oder sie behauptete es zumindest. Er heiße Heinz und sei LKW-Fahrer. Sie hätten sich so per Zufall vor der Schule kennen gelernt. Als Groß Susanne mir sagte, dass Heinz 32 Jahre alt sei, war ich wirklich geschockt. Das ist Verführung Minderjähriger! rief ich aus. Dieser Satz zeigte nicht die mindeste Wirkung bei Groß Susanne, die sich gemächlich eine Hand voll Lakritzrauten in den Mund schob. "Ist es nicht.", antwortete sie. "Bitte was macht ihr denn zusammen?" fragte ich aufgeregt. "Ich fahre ein bißchen mit ihm im LKW", gab Groß-Susi von sich. Das war doch die Höhe. Aber nun hatte ich einen Grund, mich mal in einer wichtigen Angelegenheit an Teddy zu wenden. Er war zu Hause und las in einem Schulbuch. "Teddy", unterbrach ich ihn beim Lesen. "Groß Susanne hat sich mit einem LKW-Fahrer befreundet, der viel älter ist als sie. Ich fürchte das Schlimmste." "Hast du die beiden gesehen?" fragte Teddy. "Nein, aber Groß Susanne erzählt davon. Wenn das Mami wüßte!" "Ja es ist besser, ihr redet darüber mit Mutter." Ich stutzte. "Wieso wir? Du mußt es ihr sagen! Auf dich hört sie doch viel mehr als auf uns. Sie muß Groß Susanne verbieten, Umgang mit solchen schrecklichen Typen zu haben." Teddy nickte und dachte eine Weile nach. Seine honiggoldenen Augen schauten ins Leere. Dann seufzte er leicht und wiederholte: "Sprich doch mit Mutter, aber schau vorher, ob du die beiden wirklich zusammen siehst." Ungeduldig zupfte ich an meinem Pullover, wußte aber nicht mehr, was ich sagen sollte. Gesehen hatte ich Heinz noch nicht. Allein dieser vulgäre Name, fürchterlich! Nach zwei Tagen aber sollte ich Zeuge der Freundschaft werden, von der Groß Susanne mir berichtete. Ich kam gerade von der Schule nach Hause. da hielt ein weißer LKW mittlerer Größe vor unserem Haus. Die Fahrertür wurde geöffnet und heraus trat ein langer dünner Mann mit kurzem Haar und einem schildkrötenartigen Kopf. Die hellblauen Augen standen auseinander und traten hervor, der Mund war breit mit leicht hängenden Lippen, die Ohren groß wie bei einer Buddha-Figur. Der schlacksige Typ ging vorne um den LKW herum und öffnete die andere Seitentür. Er nahm etwas heraus und stellte es auf den Boden. Das Etwas war Groß Susanne! Sie ging dem Typen nur bis zum Knie! Entsetzt sah ich, wie die beiden lächelnd ein paar Worte wechselten, der Typ tatschte sie am Kopf, dann stieg er wieder in sein Gefährt und fuhr davon. Als Groß Susanne durch die Pforte auf das Haus zukam, lief ich ihr entgegen. "War das etwa Heinz?" fragte ich schreckerfüllt. "Er war's", sagte meine Schwester und ging ruhig die Treppen hoch. "Groß Susanne, er ist zu alt für dich und sieht total unzuverlässig aus!" flehte ich sie an. "Glaube mir, der hat so eine graue Haut wie ein verkommener Kokser, dem nach und nach die Zähne ausgehen!" Groß Susanne runzelte die Stirn und erwiderte nichts. Schweigend betrat sie das Haus, legte ihre Sachen ab und verschwand im Gäste-WC. Als Schnucki vorüberging, öffnete ich den Mund, um ihm alles zu berichten, aber Schnucki trug die Vereinskasse unter dem Arm und tat eine wichtige Miene, also überlegte ich es mir anders und schwieg. Da kam auch meine Mutter. "Mami, weißt du das schon mit Groß Susanne?" fragte ich. "Was?" "Sie verkehrt mit einem uralten LKW-Fahrer" "Gar nicht wahr!" tönte es aus dem Gäste-WC. "Wer ist uralt?" fragte meine Mutter streng. "Na der Freund von Groß Suanne!" antowortete ich. "Er ist über 30 und verkehrt mit ihr!" "Er ver...was?" rief meine Mutter nun besorgt aus. "Er fährt nur mit mir in seinem Auto!!" rief Groß Susanne wieder hinter der Tür. "NIcht Auto, LKW!" rief ich noch lauter. Groß Susanne kam aus der Tür. Meine Mutter ergriff sie und forderte sie durch Schubsen auf, ihr zu folgen. Die beiden verschwanden durch ein Hinterzimmer. Ich hätte so gerne zugehört, aber nach dem Gespräch, als ich Groß Suanne mit roter geschwollener Nase und tränenblassen Augen wiedersah, stand wohl fest, dass es zukünftig keinen Heinz mehr geben würde. Groß Susanne hat mir meine Besorgnis und die Auskunft an die Mutter zum Glück nie übel genommen. Still saß sie in ihrem Fernsehsessel und aß Chips, trank aus schwarzen Strohhalmen und  guckte sich sehnsüchtig das Magazin "Auto&Motor" an. Einmal fragte ich sie "Vermißt du Heinz?". Da machte sie eine lässige Bewegung mit ihrer Hand und antwortete: "Ich ging ihm ja nur bis zum Knie."     

22.5.07 22:30


Fortsetzung 4

Überhaupt macht hier jeder in der Familie das, wozu er gerade Lust hat. Teddy mit seinem Tagesplan ist der am weitaus disziplinierte. Er verbringt viel Zeit mit Hausaufgaben machen, liest Zeitung und trifft sich mit anderen Leuten privat oder zu irgendeinem organisierten Anlaß. Immer bin ich etwas neidisch, wenn er allein oder mit Christine das Haus verläßt und etwas unternimmt. Manchmal gehen sie sogar auch zu viert weg, mit Hase Fip und Amanite. Zum Glück erfahre ich abends, wo er gewesen ist, weil meine Mutter darauf Wert legt, vom Tun ihrer Kinder stets unterrichtet zu sein. Selten aber fragt sie uns, wie es uns eigentlich geht, ob wir traurig sind, ob wir eine Enttäuschung oder anderweitigen Kummer erlebt haben. Ihr reicht es, wenn man sagt: "Ich war heute wieder beim Klavierunterricht", oder "Mein PC hat sich aufgehängt." Für sie muß alles äußerlich in Ordnung sein, innere Konflikte hat offensichtlich jeder mit sich selbst auszumachen. Außer mir gibt es hier aber niemanden, der innere Konflikte hat und soviel grübelt wie ich. Eher haben die anderen Geschwister ihre Marotten, und Mausi ist eine ganz gerissene. Mit ihren 5 Jahren stellt sie sich oft absichtlich dumm, obwohl sie alles begreift, was um sie herum geschieht. Sobald eine Situation heikel wird, ruft sie "Ich bin doch noch ganz klein und verstehe das nicht!" und schiebt sich aus irgendeiner Tasche einen Schnuller in den Mund. Sie saugt am Schnuller und reißt die Augen auf, aus denen sie uns wie verblödet anguckt. Die anderen streichen ihr über den Kopf, während ich vor Zorn über dieses Maggie-Simpson-Imitat die Lippen zusammenpresse. Aus dem Gesicht schlagen könnte ich ihr diesen albernen Schnuller. Obendrein will ich sie schütteln und anfauchen: "Gib es auf, deine Baby-Zeit ist um, verstell dich nicht mehr, damit du die Tatsachen ertragen lernst!" So ähnlich, nicht ganz so kraß, habe ich schon mal Mausi malträtiert, als wir alleine waren, aber wie fing sie bitterlich an zu weinen! Ich weiß nicht, ob es Hilflosigkeit war oder Verteidigung aus der Intuition heraus, dass ich sie durchschaut hatte. Groß Susanne, der ich natürlich von meinem Jähzorn berichtete, saugte ihre Cola heftig durch einen ihrer rot-weißen Strohhalme und mahnte mich: "Mach das nicht noch mal, Mausi lebt doch noch in einer ganz heilen Kinderwelt!" Plötzlich dachte ich daran, wie ich vor drei Jahren mit einem Badehandtuch um die Schultern am späten Nachmittag, als wir alle die Sachen zusammenpackten und uns vom See in G. auf den Heimweg machten, auf einem Sandhügel stand, das Badehandtuch flatterte heftig im Wind, und laut rief: "Ich bin Wonder-Woman!" Teddy und Philip standen unterhalb je zu meiner linken und meiner rechten wie verzückt und schauten mit Riesenaugen zu mir empor, wie ich die Arme ausstreckte, das Handtuch fliegen ließ und ausschaute, als würde ich jeden Moment vom Wind empor und durch die Lüfte getragen werden. Durch meinen Körper strömte ein Gefühl des Glücks, wie es nur in einer Phantasiewelt vorkommt, in der ich die unbesiegbare bewunderte Protagonistin bin. Alles spielte sich zu meinen Gunsten ab, das verblassende Licht der Abendsonne gab der Szene einen überirdischen Glanz, der Wellen und Sanddünen bewegende Wind sorgte für die Dramatik. Und war es nicht bloß Selbsttäuschung, mich für wunderbar zu halten, wenngleich es nur ein Spiel war? Betrieben wir nicht alle ein Spiel, um uns wunderbar zu fühlen, schon im kleinsten Alter und ununterbrochen weiter solange wir können? Jetzt tat es mir leid mit Mausi, und ich war froh, dass sie den Trick mit dem Schnuller nicht aufgegeben hatte, auch wenn sie sich seitdem immer dezent von mir abwendet, wenn ihr alles zu viel wird und sie in ihren Taschen nach dem rettenden Lutscher fummelt.               
11.8.06 21:14


Fortsetzung 3

Kommen wir jetzt zu meinen Eltern. Über sie habe ich bisher noch nichts erzählt, aber es gibt eigentlich auch nichts von ihnen zu berichten. Meine Mutter ist Hausfrau und verbringt die meiste Zeit bei der Kosmetikerin. Wenn wir abends zum Essen am langen Tisch versammelt sind, wobei meine Mutter am Tischende sitzt, sieht sie jedesmal aus wie aus dem Ei gepellt. Bei der Kosmetikerin läßt sie sich nicht nur alle Hautunreinheiten entfernen, sie bekommt auch Massagen, Maniküre, Pediküre, wird geschminkt und verordnet sich allerlei individuelle Verwöhnbehandlungen. Nur ins Solarium geht sie nicht, aus Rücksicht zu ihrer hellen, stellenweise mit Sommersprossen bedeckten Haut. Obwohl meine Mutter fast jeden Tag die Kosmetikerin aufsucht, verabschiedet sie sich jedes Mal denjenigen gegenüber, die gerade im Haus sind, mit dem Satz: "Ich gehe jetzt zur Kosmetikerin!" Irgend eine Seele erweicht sich dann zu einem müden "Okay, viel Spaß!", und meine Mutter schlägt zufrieden die Haustür zu. Falls meine Mutter mal nicht bei der Kosmetikerin ist, trifft sie sich mit Frau Konsul Hensel. Die Hensel staunt immer wieder über meine Mutter, weil sie findet, dass eine Frau höchstens zwei Kinder haben sollte, wir aber sind zusammen 7 Geschwister. "Bei 5 wird's mir ja schon schauerlich!", sagt Frau Konsul Hensel. Darauf lächelt meine Mutter nachsichtig und betont, wie wenig schauerlich 7 Kinder sein können, sie habe ein Haus mit vielen Zimmern, wohlgeratene Knaben und drollige Töchter. Damit meint sie wohl mich und Groß Susanne. Und vor allem sei da noch ihr Mann, der gut verdiene und alle in Wohlstand leben lasse. Ihr Mann, mein Vater.

Meinen Vater habe ich noch nie gesehen, und es existiert auch kein weiteres Bild von ihm außer einer Fotografie mit einer karibisch anmutenden Landschaft mit roter Brücke und daneben, ganz klein zu erkennen, einem männlichen Wesen mit Helm. Keiner von uns Geschwistern scheint sein genaues Aussehen zu kennen, doch da es niemanden stört, finde auch ich es ganz normal, dass sein Gesicht für mich ein Geheimnis bleibt. Aber mein Vater existiert. Er ist Ingenieur und baut seit vielen Jahren Brücken auf einer fernen Insel. Diese Informationen erhalten wir von unserer Mutter beim Abendbrot. Wir wissen, wie die Insel heißt, wo ungefähr sie liegt, wieviele Einwohner sie hat, welches Klima herrscht, und wann eine neue Brücke durch Vaters Hand fertig ist. Das bedeutende Ereignis verkündet meine Mutter abends feierlich vor allen anwesenden Familienmitgliedern. Es herrscht dann regelmäßig eine Schweigeminute an Tisch. Jeder stellt sich die fertige Brücke vor, dazu Vaters ernstes Gesicht - in der Phantasie ist sein Gesicht immer ernst - und alle denken an die Insel und die vielen Brücken darauf. Wenn wir jedoch Einzelheiten erfragen, erhalten wir nicht immer eine befriedigende Antwort. Unsere jüngste Schwester Mausi fragte einmal, warum denn so viele Brücken gebaut würden auf der Insel. Meine Mutters Gesicht nahm einen ganz abweisenden Ausdruck an. Sie erklärte Mausi mit halbgeschlossenen Augen, es handele sich um eine übernationales Projekt im Rahmen der global gesteuerten Entwicklungshilfe. "Übernational" meinte sie statt "international". Das "über" passte auch viel besser zu den Brücken. Ob denn die Brücken von den Einwohnern auch genutzt würden, fragte Schnucki. Wiederum antwortete meine Mutter etwas spitz, dass die Brücken zukunftsorientiert gebaut werden, da die Bevölkerung allgemein wachse. Über diese Antwort mußten wir alle stutzen, aber niemand wagte den tieferen Sinn des Gesagten anzuzweifeln. Wir waren ja allesamt froh, dass unser Vater so großartige Projekte realisierte und uns damit ernähren konnte. Da war es weiter nicht tragisch, wenn wir ihn persönlich nie zu sehen bekamen. Manchmal aber überlege ich, ob Teddy nicht kahl ist, weil ihm der Vater fehlt und er unfreiwillig die Rolle des männlichen Familienoberhauptes übernehmen muß. Gibt es nämlich etwas wichtiges zu besprechen, wendet meine Mutter sich fast ausschließlich an Teddy, und dieser ist sich der Verantwortung bewußt, die er gegenüber seiner Familie hat. Er ist ja auch am ehesten ansprechbar, denn Philip reitet immer nur und Schnucki hat eine pessimistische Grundeinstellung allen Dingen gegenüber - besonders seit Franz-Josef-Strauß abgelebt ist.           

9.8.06 23:53


Fortsetzung 2:

getrieben, damit er ihr nach Schule und Studium ein Leben in Wohlstand und ohne Geldsorgen bieten kann. Sie hat wohl nichts gegen diesen Plan. Die beiden sehen schon jetzt unzertrennlich aus. Manchmal versuche ich, einen Keil zwischen das Paar zu treiben, aber es bringt nichts, der Liebesschwur der Glücklichen entschärft alle Angriffe. Zum Beispiel frage ich Teddy, warum er denn BWL studieren wolle. "Das ist überhaupt kein richtiges Studium und hat nichts an der Uni verloren. Da sitzen doch nur Sekretärinnen und Fachabiturienten, die Erdkunde als Leistungskurs hatten, weil sie für alle anderen Fächer zu blöd waren!" versuche ich ihn anzustacheln. Mit den Sekretärinnen meine ich natürlich Christine, die bestimmt nach der Schule Bürokauffrau wird. Nach einer solchen Bemerkung guckt Teddy mich schweigend aus seinen goldbraunen Augen an und schüttelt den Kopf. "Du weißt doch gar nicht, was in BWL studiert wird." "Doch", sage ich, "eben nichts technisches, nichts sprachliches, nichts juristisches, nichts medizinisches und auch nichts philosophisches. Einfach nichts von wissenschaftlichem Rang." "Wir haben Statistik und müssen gut in Mathe sein! Und nach dem BWL-Abschluß kann man viel machen." gibt Teddy zurück. "Ja, ihr unterstützt den Konsumterror und verhüllt euer Tun mit hochtrabenden Berufsbezeichnungen, deren Inhalt kein Mensch durchschaut!" schreie ich erbost. "Du spinnst einfach", meint Teddy stirnerunzelnd und wendet sich ab. Kreuzunglücklich bin ich, weil Teddy mich jetzt bestimmt wieder ein Stück nerviger findet als zuvor. Dann laufe ich schnell zu Groß Susanne und berichte. "Ich möchte ja einfach nur, dass Teddy nicht BWL studiert und so ein Schlüsselanhänger wie die Key-Accounter wird oder Berater der Berater ist", jammere ich. Groß Susanne spendet mir wenig Trost. "Er könnte im Personalbereich aktiv sein." rät sie. "Dazu braucht man doch kein BWL." gebe ich zurück. Groß Susanne fügt hinzu: "Es würde mir am meisten Spaß machen." Dabei bin ich mir nicht sicher, ob sie die Bemerkung nur macht, weil sie eine Fernsehsendung verfolgt und in Ruhe gelassen werden will. Es ist müßig, den Dialog noch weiterzuführen. Ich gehe aus dem Fernsehzimmer und schaue mich um. Da sitzt mein Bruder Schnucki in seinem Zimmer, ein Buch vor der Nase und in eine Schachtel Pralinen langend. Schnucki liest meistens Geschichtsbücher über das 20. Jahrhundert. An den Wänden seines Zimmers hängen lauter Plakate und Gegenstände mit geschichtlichem Bezug, dabei ein großes Plakat von Franz-Josef Strauß. Schnucki ist absoluter Strauß-Fan. Wenn aus seinem Zimmer ein lauter Schrei ertönt, wissen wir alle, daß wieder mal Todestag von Strauß ist. Dann liegt Schnucki zerstört am Boden und klagt über den Tag, an dem unser Land seinen bedeutendsten Politiker verloren hätte. So denkt Schnucki. Wir Geschwister atmen tief durch und wenden uns mit hilflosen Mienen ab. Schnucki hält uns Schwestern sowieso für nicht ganz voll, er lebt isoliert in seiner Strauß-Welt und in seinem BDH, was heißen soll "Bund deutscher Hasen", dessen Mitglied er ist. Ich glaube, er hat dort das Amt des Kassenwarts inne. Manchmal schleicht er durch den Garten zur Pforte mit einer Kasse unterm Arm und Jägerhut auf dem Kopf. Dann ist er auf dem Weg zur Versammlung der BDHler am Bismarckdenkmal, wo der Verein oft Treffen abhält. Die BDHler machen auch Demos, einmal zogen sie sogar an unserem Haus vorbei. Da sah ich lauter Hasenohren und dunkelblau-orange Fahnen mit Karotten und großem "BDH" aufgedruckt, die über die Gartenhecke ragten. Mit äußerster Langsamkeit bewegte sich der Zug entlang der Hecke vorwärts, und ich rief nach Groß Susanne, die innerhalb von 5 Minuten tatsächlich aus dem Fernsehraum kam und das Spektakel mitbeobachtete. "Wogegen demonstrieren die?" fragte Groß Susanne. "Nirgendwo gegen", meinte ich, "Sie demonstrieren für ihren Bund und bekunden ihre Existenz." Denn außer den Karottenfahnen und einem merkwürdig dünnem Gesang, wahrscheinlich der vereinseigenen Hymne, konnte ich keine Parolen oder Transparente entdecken. "Wo läuft Schnucki?" fragte Groß Susanne. Wir blinzelten ins Sonnenlicht und untersuchten die Hasenohren. Schnucki war nicht zu sehen, aber er war sicherlich dabei. Wenn er abends nach diesem Umzug zurückkommen würde, wären wir wahrscheinlich noch mehr Luft für ihn als wir es ohnehin schon sind. Und das, obwohl wir uns Zeit genommen haben, seinen Kumpanen zusammen mit den Fahnen unsere Aufmerksamkeit zu schenken.         
8.8.06 22:53


Die Familie

Da ich permanent mich und meine Geschwister beobachte und gerne über die Welt im allgemeinen und die Zukunft der Menschen philosophiere, habe ich mich dazu entschlossen, alles aufzuzeichnen, was meine Sinne erleichtern wird und mir hilft, nicht mehrmals über dieselben Dinge nachzugrübeln. Schriftlich entäußert sind die Eindrücke für mich dann gedanklich abgehakt, gleichzeitig bei zusammenfassender Betrachtung ein sichtbares Zeugnis dafür, warum mein jugendliches Leben schon jetzt Vorzeichen für ein baldiges gänzliches Scheitern als Erwachsene darstellt. Als Vorzeichen deute ich die sich immer stärker in mir manifestierende Ahnung, nirgendwohin recht zu passen. An späterer Stelle werde ich noch genauer darauf zu sprechen kommen. Zunächst gibt es eine hübsche Einleitung für mein soeben gegründetes Tagebuch.
Mein Name ist Klein Susanne. So nennen mich alle in meiner Familie, obwohl ich zwei Jahre älter bin als meine Schwester Groß Susanne. Die jüngere Susanne ist trotz ihrer 12 Jahre schon größer als ich und außerdem auch fettleibig. Ich dagegen bin ganz normal geraten und zierlich, der Kinderarzt hat an mir nichts ungewöhnliches diagnostiziert. Zur physischen Konstitution von Groß Susanne meinte der Arzt dagegen, man könne ihre Dickleibigkeit nur bekämpfen, indem man ihr eine strenge Diät verabreiche. Aber niemand kümmert hier in der Familie kümmert sich darum. Im Gegenteil, Groß Susanne sitzt unermahnt den ganzen Tag vor dem Fernseher, ißt Chips und trinkt Cola aus Strohhalmen unterschiedlicher Farben und Windungen. Wir haben ihr diese Strohhalme darum "verabreicht", damit sie zumindest ihre Gesichtsmuskeln beim Saugen und Ziehen anstrengen muß. Den Gang von unserem Auto zur Schule und wieder zurück hält sie für genug tägliche sportliche Betätigung. Wenn sie nachmittags zu Hause ist, macht sie Hausaufgaben, um anschließend in ihren Fernsehsessel zu versinken und sich all diese Seifenopern und Serien anzugucken. Indem die kleine Schwester größer und aufgedunsener ist, bin ich automatisch zur "kleinen" Susanne mutiert. Eines muß ich zugeben, Groß Susanne ist um einiges abgeklärter als ich, obwohl sie jünger ist. Daran sind die ganzen täglichen Fernsehsendungen schuld, aus denen sie ihr Wissen schöpft, und durch die sie auf jede Frage gleich eine erstaunlich treffende Antwort gibt. Oft stehe ich neben ihr, frage sie nach dem Sinn des Lebens auf diesem Planeten und ärgere mich über alle Menschen. Sie hört mir während des Nachrichtenguckens zu, zieht die Cola aus dem Trinkhalm hoch und antwortet mir auf so verblüffende Weise, dass ich erstaunt und gleichzeitig auch ein bißchen zornig bin. Den Zorn kennt Groß Susanne schon an mir, sie meint, ich werde immer so schnell zornig. Sagt es und schaut kauend und schluckend starr zum Bildschirm. Ich kann, obwohl ich eine Zornes-Verbündete suche, einfach keinen Zorn bei ihr erwecken. Wahrscheinlich geht mit der Fettleibigkeit eine Gefühlsträgheit einher. Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum nur ich zornig werde und sie nicht, und das ist die Freundin von meinem ältesten Bruder Teddy. Ich liebe Teddy sehr, er ist der Älteste von uns Geschwistern, und er hat bereits eine Freundin. Da Groß Susanne nicht in Teddy verliebt ist, kann sie auch nicht zornig werden, wenn sie an ihn denkt, bzw wenn sie an seine doofe Freundin Christine denkt. Ich hasse Christine. Diese Christine besteht aus einer blondgelockten Haarmähne und darin eingerahmt einem recht hübschen Gesicht. Das hübsche Gesicht langweilt mich durch sein Ebenmaß. Genauso langweilig ist Christines Charakter, ohne Ecken und Kanten, mit leise klingender Sing-Sang-Stimme. Wenn Christine kommt, meint man, alle Wogen des Weltgeschehens glätten sich. Während ich also vor Zorn über so viel Ungerechtigkeit in der Verteilung der Schönheit die Fäuste balle, sehe ich im selben Augenblick vor meinem geistigen Auge Teddys glückliches Gesicht und seinen Stolz über die hübsche Freundin. Wiederum Anlaß zu erhöhtem Zorn. Teddy hat nämlich bereits eine Glatze. Warum aber kann er sich als Glatzkopf eine hübsche Freundin halten? Welche glatzköpfige 17-jährige bekommt schon einen gutaussehenden Freund? Keine. Und für mich interessiert sich ja sowieso kein Junge. Mit dieser Erkenntnis bin ich zu Groß Susanne gegangen, die gerade eine Krimiserie im Fernsehen guckt, und trage ihr in größtem Eifer meine These vor, die besagt, dass bei Frauen nur das Äußere zählt, während Männer sich alle möglichen Entstellungen leisten können. Groß Susanne schweigt und meint plötzlich: Daran seien die Frauen selbst schuld, sie ließen sich instrumentalisieren. Ich verstehe nicht und seufze. Bei meinem zweiten Bruder Philipp ist es genauso. Seine Freundin Amanite besitzt dunkelbraune lange Locken und hat ein Gesicht so ausdrucksvoll hübsch wie das einer Latina. Man sagt dazu "rassig" . Philipp selbst ist wahrlich keine Schönheit, eher niedlich mit Hasengesicht und vorstehendem Ober- und Unterkiefer. Aber auf Philipp und Amanite bin ich nicht eifersüchtig, die beiden sind mir zu fremd in ihren Interessen. Den ganzen Tag beschäftigt Philip nichts anderes als Reiten und Pferde. In Amanite hat er die richtige Kumpanin gefunden. Schaue ich aus dem Fenster, dann sehe ich in der Ferne garantiert zwei Gestalten auf Pferden dahintraben, und wie erwartet ist es mein Bruder mit Amanite. Pferde wochentags, Pferde am Wochenende, Pferde in den Ferien, unterschiedliche Wieher-Laute auf CD. Wer ein so ausfüllendes Hobby hat, der muß sich nach dem Sinn des Lebens nicht fragen, wie ich es oft tue. Bei Teddy dagegen bin ich mir nicht sicher. Manchmal denke ich, er unterdrückt alle Zweifel in sich, ob er als Jugendlicher den richtigen Weg für eine erfolgreiche, mit dem Gewissen vereinbare Zukunft einschlägt, und darum ist er bereits ohne Haar. Soviel hat er schon verraten, er will nach der Schule BWL studieren. Wahrscheinlich hat ihn unbewußt Christine dazu

27.7.06 22:01





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung